Über die Wichtigkeit des Erinnerns


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von Mag. Magdalena Müllner

Von Anfang an war es für mich von großer Wichtigkeit, die Erinnerung an die Mitglieder der Laaer jüdischen Gemeinde wach zu halten. Im Folgenden möchte ich erklären, wieso sich auch der Verein diesem wichtigen Ziel verschrieben hat.

Zuerst sei angeführt, dass es meine feste Überzeugung ist, dass man nicht völlig stirbt, solange es noch eine Person gibt, die sich noch an den Verstorbenen erinnert. Vergessen zu werden, kann mit einem zweiten Sterben gleichgesetzt werden. Natürlich könnte man sagen, dies sei ebenso ein natürlicher Vorgang. Wer erinnert sich noch an den Großvater seines Großvaters? Im Falle der jüdischen Gemeinde meiner Heimatstadt muss die Situation aber anders bewertet werden. Die jüdischen Bürger von Laa an der Thaya wurden vertrieben oder ermordet. Jene, die die Gräuel verübten oder nur zusahen, machen logischerweise einen beträchtlichen Teil der ältesten Generation der Stadt aus. Die jüdischen Bürger von Laa zu vergessen, ist, als stimmte man der Vertreibung und Ermordung im Nachhinein zu. Die Erinnerung zu bewahren, ist ein Weg, den jüdischen Laaern ein Fragment von Laa, der Heimat, der sie beraubt wurden, zurückzugeben.

Weiters sehe ich Laa an der Thaya als Beispiel für Prozesse, die sich in vielen kleinen Städten Europas vor über 60 Jahren so zugetragen haben. Von diesem Standpunkt aus gesehen ist Laa nicht nur ein winziger Fleck auf der Landkarte. Es hat Beispielcharakter, wenn die Verführbarkeit der Menschen und die Empfänglichkeit für gefährliche Botschaften aufgezeigt werden soll. Wir werden mit der schwierigen Frage konfrontiert, wie wir gehandelt hätten, wenn der Gesetzgeber zur Instanz der Ungerechtigkeit wird. Aus diesem Grund ist es nicht nur wichtig, dass Menschen in der direkten Umgebung von Laa über die Geschichte der Stadt Bescheid wissen, auch Menschen auf der ganzen Welt sind dazu aufgerufen, aus ihr zu lernen.

Zuletzt möchte ich eine Geschichte wiedergeben, die erklärt, wieso es wichtig ist, die Geschichte der Laaer jüdischen Gemeinde auch in die nächsten Jahrhunderte zu tragen:

Elie Wiesel, Überlebender mehrere Konzentrationslager leitete an einem College in New York einen Kurs über den Holocaust. Eines Tages fragte ihn ein Student: „[...] Wir selbst waren damals nicht dabei, was sollen wir also an die Generation unserer Kinder weitergeben? Sie haben selbst gesagt, dass man sich nicht vorstellen kann, wie es war, Häftling eines Konzentrationslagers gewesen zu sein, wenn man es nicht selbst war. Wie können wir dann anderen Menschen darüber erzählen?“
„Ja“, sagte Elie Wiesel. „Ihr werdet es nie völlig verstehen. Aber ihr wisst, dass da etwas gewesen ist. Ihr werdet über einen Vorfall Bescheid wissen, über eine Träne. Das ist es, was ihr erzählen sollt.“ Wiesel fuhr fort: „In meinen Büchern vermeide ich es, Geschichten zu wiederholen. Ein Mal habe ich es trotzdem getan. Diese Geschichte erzählte ich in zwei Büchern.“

Dann erzählte er eine Legende, eine Chassidische Geschichte. Sie handelte von vielen berühmten Gelehrten, doch sie begann mit dem Gründer des Chassidismus, dem Baal Shem Tov, was „Meister des guten Namens“ bedeutet.
Es gab Anzeichen, dass eine Katastrophe nahte. Da ging der Baal Shem zu einem bestimmten Platz im Wald, zündete eine Kerze an, sagte ein Gebet und das Unheil wurde verhindert. Ein Schüler des Baal Shem war mit einem drohenden Unglück konfrontiert. Er kannte den besonderen Platz im Wald, er wusste über die spezielle Art die Kerze zu entzünden Bescheid, das Gebet kannte er nicht. Trotzdem wurde die Katastrophe abgewendet. Ein weiterer Schüler befand sich in einer ebenso schwierigen Lage. Er kannte den Platz im Wald, jedoch war das Wissen um das richtige Entzünden der Kerze und das Gebet verloren gegangen. Das Unheil konnte verhindert werden. Der letzte Schüler kannte nicht mal mehr den genauen Platz im Wald. Alles, das er tun konnte, war die Geschichte zu erzählen. Selbst dies führte dazu, dass das Gefürchtete nicht eintrat.

„Was könnt ihr also euren Kindern erzählen? Erzählt ihnen, dass ihr die letzten Überlebenden gekannt habt. So wie die Überlebenden am Leben waren, als es geschah, wart ihr da, um ihre Geschichten zu hören. Sagt ihnen: Wir kannten die letzten Überlebenden. Dann werden sie euch zuhören. Aber sie werden die selbe Frage stellen: Was sollen wir unseren Kindern erzählen? Sie können erzählen: Wir haben noch jemanden gekannt, der die letzten Überlebenden kannte. Wir hörten die Geschichten von jenen, die sie direkt von den Überlebenden hörten. [...] Und die Frage wird wieder und wieder gefragt werden und die Geschichte wird wieder erzählt werden. Wieder und wieder wird sie erzählt werden."

(aus: Kurzweil, Arthur: From Generation to Generation. How to trace your Jewish genealogy and family history. New York: Harper Collins 1994.)