Rückblick



von Mag. Magdalena Müllner (7. 11. 2008)

Es ist nun 17 Jahre her, seit ich mit meinen Recherchen über die jüdische Gemeinde von Laa an der Thaya begonnen habe. Nun bin ich 33 und kann wirklich sagen, dass mehr als mein halbes Leben von den Recherchen, die ich damals begonnen habe, geprägt waren. Zu dem Zeitpunkt, als ich durch Zufall auf die Existenz einer früheren jüdischen Gemeinde in meiner Heimatstadt stieß, war es nicht nur meiner damals noch sehr jugendlichen Generation, sondern auch der meiner Eltern (geboren Mitte der 50er Jahre) und sogar älteren Laaern, die kurz vor dem oder im Krieg geboren waren, nicht bekannt, dass es in der Weinviertler Grenzstadt einmal eine jüdische Minderheit gegeben hatte.

Die Jahre sind ins Land gezogen. Die Sommer am Ende meiner Gymnasiumszeit und in den Studienjahren sind mir noch in lebhafter Erinnerung. Damals gaben sich die ehemaligen Laaer im Haus meiner Eltern im wahrsten Sinn die Türklinke in die Hand. In den langen Ferien meiner Studienzeit begann ich dann zu reisen und besuchte meine neuen Freunde in aller Welt. Es war eine Zeit voll von Überraschungen, Rätseln, die zu lösen, Menschen, die zu entdecken waren. Eine aufregende, gute Zeit.

Rückblickend ist mir bewusst, dass ich meinen Eltern sehr zu Dank verpflichtet bin. Sie waren bereit, sich auf mein „Projekt“ einzulassen und waren allen Menschen gegenüber offen, die ich zu uns eingeladen habe. Auch als offensichtlich wurde, dass eine Privatperson wohl nie ein Denkmal initiieren wird können, waren sie es, die die Idee zur Vereinsgründung unterstützt und mit mir getragen haben. Mein Vater, Dipl.Päd. Franz Müllner, hat seit der Vereinsgründung auch das Amt des Obmanns inne.

Erst neulich, im Zuge der Neuzusammenstellung der Webseite, habe ich wieder viele Briefe und Dokumente aus all den Jahren in Händen gehabt – dieses Mal eine Reise in meine Vergangenheit, eng verwoben mit der jüdischen Vergangenheit Laas und vielen Geschichten.

So fand ich den handschriftlichen Entwurf meines ersten Artikels („
Lügen in Laa“), den ich mit 16 Jahren in türkiser Tinte in (heute für mich überraschend) krakeliger Schrift auf zwei Blätter geschrieben hatte. Beinahe noch eine Kinderschrift, in Zeiten auf Papier gebannt, als ein Computer noch etwas war, das auch kaum ein Erwachsener zu Hause gehabt hätte.

Trotzdem waren die ehemaligen Laaer, die ich so kontaktierte, alle bereit, diesen Backfisch ernst zu nehmen. Dem halben Kind aus der wohl in der Erinnerung langsam entschwindenden alten Heimat hat man seine Geschichte, einen Teil seines Selbsts anvertraut. Manchmal wundere ich mich selbst darüber.

Was daraus entstanden ist, ist größer als ich: Das Denkmal in Laa hat dazu geführt, dass die jüdischen Laaer – wenn auch nur in Form dieses steingewordenen Symbols – wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Ebenso wichtig scheint mir, dass die ehemaligen jüdischen Laaer mich als Anlass sahen, die alte Heimat - oft zum ersten Mal nach dem Krieg - wieder zu besuchen. Da mein Hauptinteresse am Leben vor 1938 lag, führten sie meine Fragen auch in eine schöne Vergangenheit, die sie als Kinder und Jugendliche in unserer gemeinsamen Heimatstadt verlebt hatten. Seltene „Glückstreffer“ konnte ich dann erzielen, wenn es mir gelang, alte Freunde wieder zusammenzubringen. Dies war ein paar Mal der Fall. Aber auch neue Freundschaften wurden geknüpft – am Tag der Denkmaleröffnung war es, als seien die Nachkommen der Laaer jüdischen Gemeinde, die aus aller Welt gekommen waren und sich noch wenige Tage zuvor nicht gekannt hatten, Teil einer großen Familie.

Freundschaften sind im Leben sehr wichtig. Sie formen uns, prägen uns. Viele der Menschen, die ich in den vergangenen 17 Jahren zu meinen Freunden rechnen durfte, sind inzwischen gestorben. Da in meiner Familie die Generationenfolge sehr kurz ist, waren sie älter als meine Großeltern. Doch Alter spielt bei echten Freundschaften keine Rolle. Besonders wenn ich an diese endlosen Sommer zurückdenke, die voller Besuche waren, fehlen sie mir. Mein Briefkasten, der immer randvoll war, bleibt nun oft leer.
Schön ist, dass in vielen Fällen die Freundschaft mit der nächsten oder auch übernächsten Generation – wenn auch zumeist in loserer Form - weitergeht.

Es gibt nichts, das ich hätte missen wollen. Die Kontakte, die sich aus meinen Recherchen entwickelt haben, haben mich zu einem innerlich reichen Menschen gemacht.