Zur Erinnerung an Gretl Ledermayer



Pasted Graphic

Gretl Ledermayer, geborene Zwieb, stammt aus einer alten Laaer Familie. Bereits ihre Mutter und Großmutter betrieben in Laa ein Handarbeitsgeschäft, das auch von ihr (gemeinsam mit ihren beiden Schwestern) weitergeführt wurde. Ich wurde schon ziemlich früh auf sie aufmerksam und besuchte die Schwestern zuerst für ein Interview über die Laaer jüdische Gemeinde. So kann ich sagen, dass ich „Tante Gretl“, wie ich sie später nennen durfte, gut 15 Jahre gekannt habe.

Gretl Ledermayer war keine Widerstandskämpferin, sie hat niemandem das Leben gerettet, doch war sie einer der ganz wenigen „Gerechten“ in Laa. Als es darum ging, beim Notar zu bestätigen, dass
Karola Österreicher (verheiratete Zucker) in Laa geboren worden war, fragten wir zuerst eine ehemalige Schulkameradin von Karola, mit der sie sich auch nach dem Krieg mehrmals getroffen hatte. Obwohl sie mit Karola jahrelang in die gleiche Klasse gegangen war und sie auch Karolas Eltern als Kind gut gekannt hatte, fiel die Antwort negativ aus. Sie könne nicht unterschreiben, dass Karola in Laa geboren sei, denn sie „war ja nicht bei ihrer Geburt dabei gewesen“. Die um ein paar Jahre ältere Gretl sagt sofort zu. Sie wisse doch, dass die Familie immer in Laa gelebt hätte und Karola als Kind immer in Laa war. Ohne ihre Unterschrift hätte Karola nie den ersehnten österreichischen Pass bekommen können.

Pasted Graphic
Besuch aus Australien: Gretl mit dem Sohn und der Schwiegertochter von Leo Adler,
einem ehemaligen Laaer, den sie gut gekannt hat


Ihre Ehrlichkeit war eine Eigenschaft, die Gretl Ledermayer von vielen ihrer Altersgenossen abhob. Als junge Frau bewarb sie sich beim Salzburger Marionettentheater und wurde prompt aufgenommen. Mit der Truppe reiste sie trotz des beginnenden Kriegs weiter herum. Eines Tages sollten sie ein Gastspiel in Warschau geben. Dazu kam es nicht. Jedes Mal, wenn sie davon erzählte, merkte man, wie sehr die Erinnerung sie belastete. Obwohl die Fenster des Hotels mit Brettern vernagelt waren, hörte sie die Schüsse des Ghettoaufstands, wusste genau, was geschah, und dass die heldenhaften Kämpfer keine Chance gegen die Nazitruppen haben würden.
Gretl Ledermayer hätte nie geleugnet, dass sie genau wusste, was vorging. Sie bevorzugte die Schrecken der Erinnerung, wo es sich andere durch kollektives Vergessen nur allzu leicht machen.

IMAG0128

Es war mir eine Ehre, am 2. September dieses Jahres in den letzten 45 Minuten ihres Lebens bei Tante Gretl gewesen zu sein. Ruhe in Frieden!

Mag. Magdalena Müllner – 30. 11. 2008