Zur Erinnerung an Karola (Carmella) Zucker, geborene Österreicher



von Mag. Magdalena Müllner, 2. 11. 2008

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Wenn ich an Karola denke, entspinnt sich eine unendliche Folge von Erinnerungen, wie es nur geschehen kann, wenn man jemanden über viele Jahre hinweg sehr gut gekannt hat, wenn man persönlich sehr eng verbunden war und ein reger Gedankenaustausch stattgefunden hat. Dies war zwischen uns beiden der Fall. Obwohl sie am 4. November 2003 den Kampf gegen den Krebs viel zu jung verlor, so bleibt das Gefühl, sie müsse doch bald wiederkommen, sobald der Sommer den Höhepunkt schon überschritten hat und man an manchen Tagen bereits eine Vorahnung davon hat, dass der von ihr so geliebte „goldene Herbst“ wohl nicht mehr zu lange auf sich warten lassen wird. Im August ist nämlich unser beider Geburtsmonat - sie hatte genau 50 Jahre und 18 Tage vor mir das Licht der Welt erblickt, als sie am 7. August 1925 als einziges Kind ihrer Mutter Hermine Österreicher (geb. Blau), geboren wurde. So feierten wir immer, wenn Karola nach Laa kam - ihren Geburtstag nach, meinen vor. Feiern und das Zusammensein mit Familie, das war, was sie besonders genoss. Über die Jahre hinweg ist sie Teil meiner Familie geworden. Wie sehr, merkt man vielleicht an folgender Episode: Meine Nichte war erst 4, als Karola von uns ging, sie war 3, als sie sie zum letzten Mal sah. Heute ist sie 8. Als sie letzte Woche, kurz vor Allerheiligen, in der Schule das Grab eines Verwandten zeichnen sollte, wählte sie Karolas Grab, das sie nur von Fotos kennt. Wer immer das Privileg hatte, Karola Zucker zu treffen, sein Leben blieb nicht unberührt.

Die von ihr selbst verfasste
Lebensgeschichte, ein schriftlich geführtes Interview mit vielen Details zu ihrer Kindheit in Laa, mehr Fotos aus ihrem Leben, sowie einen Zeitungsartikel mit einem Bild, als sie auf ihrer Auswanderung nach Israel von britischen Soldaten angeschossen wurde, können Sie ebenfalls auf dieser Seite lesen bzw. sehen. Wie sich herausgestellt hat, kann man auf der Seite einem Britischen Archivs sogar einen Film über die Landung der „Theodor Herzl“ sehen, auf der sie Israel erreichte (Lassen Sie sich diese Zeitreise keinesfalls entgehen!!!!)

Der Beginn unserer Freundschaft geht auf das Jahr 1992 zurück, als ich 17 Jahre alt war. Karola war Jahre zuvor mit einer Laaerin, die zu diesem Zeitpunkt nicht mehr lebte, in Briefkontakt gewesen. Da ein Kuvert mit ihrer Adresse in meine Hände gelangte, konnte ich ihr einen Brief schreiben, in dem ich mich und mein Anliegen kurz vorstellte. Karolas Antwort folgte prompt:

Ramat Gan, 17.7. 92

Liebe Magdalena!

Habe deinen Brief mit etwas gemischten Gefühlen erhalten. Sage dir du, habe meinen Enkel der jetzt 15 Jahre alt wird, so erlaube mir du zu sagen. Als ich Laa verlassen musste, war ich 12 1/2 Jahre alt, ein Kind - aber mit gutem Gedächtnis über einiges. ...


Zwischen uns entwickelte sich ein reger brieflicher Kontakt. Der Anfang ihres zweiten Briefes drückt die Wärme und Herzlichkeit aus, die ihren Umgang mit mir und mit allen ihrem Mitmenschen prägte.

Ramat Gan, 3. August 92

Liebe Magdalena!


Besten Dank für dein Photo - bist ein hübsches Mädchen. Dachte, du wärst blond mit blauen Augen. Irren ist menschlich.
...


Im Jahr 1993 trafen wir uns an zwei Nachmittagen in Wien, einen Tag besuchte sie uns mit ihrem Mann in Laa. (Besonders, wenn man zurückblickt, muss man ein scharfes Auge bewahren und darf nicht nostalgisch werden. Aus diesem Grund sei erwähnt, was Karola nie erfahren sollte: Beim vielen Reden ergab es sich, dass wir an diesem Tag die Zeit vergaßen und es Mitternacht wurde, bis wir zu einem kleinen Spaziergang am Laaer Hauptplatz aufbrachen, diesen aber nicht auslassen wollten, da Karola und ihr Mann am nächsten Morgen bereits wieder abreisen mussten. Niemand war auf der Straße zu sehen. Trotzdem wurde meine Mutter einige Tage später von einer Kollegin angesprochen, die entsetzt berichtete, dass ihre Mutter sich beschwert hatte, dass wir „die Juden wieder nach Laa zurückbringen“.)
Karolas Mann, Hermann (Zwi), reiste zu dieser Zeit noch jeden Sommer in seine Heimatstadt Fulda (Deutschland). Ab dem Jahr 1994 sollte jedes Jahr auch eine gute Woche bei uns in Laa an das sommerliche Reiseprogramm angeschlossen werden. Hierzu sei aus einem Brief an meine Eltern zitiert:

25. 8. 94

Liebe Frau Müllner! Lieber Herr Müllner!

Will mich nochmals für Ihre Gastfreundschaft herzlichst bedanken, wir hatten in Ihrem Haus sehr glückliche, sorgenfreie Tage, mit viel Kalorien, die mein Gewicht etwas in die Höhe schraubten. Das Schlemmerleben ist vorbei u. nun kommt wieder der graue Alltag, der darin besteht: in der Reihe stehen beim Einkaufen. Es ist ein Gedränge wegen den bevorstehenden hohen Feiertagen.
....
Werde meinen Geburtstag in ihrem Haus so schön gefeiert nie vergessen. Es war ein Erlebnis ....


Ich möchte noch etwas in diesen frühen Jahren unserer Freundschaft verweilen und ein paar unvergessliche Erinnerungen niederschreiben.

Im April 1993 flog ich mit 19 anderen österreichischen Jugendlichen nach Israel. Meinen Artikel, der mit dieser Reise prämiert worden war, finden Sie in der Rubrik „Veröffentlichungen“:
Jüdisches Echo
Bereits im Flugzeug wurde ich ausgerufen. Ich dachte, dass Karola mich sehen wollte, doch am Informationsschalter stellte es sich heraus, dass
Ernst Neumann (ein ehemaliger Laaer, den ich erst seit einem Brief kannte) auf mich wartete. Doch auch Karola war mit ihrem Mann zum Flughafen gekommen. Die Situationskomik war nicht zu überbieten. Zwei ehemalige Laaer, die beide über 40 Jahre in Israel gelebt hatten und nicht glauben konnte, dass der andere aus Laa sei. Noch dazu konnte sich keiner der beiden erinnern, jemals jemanden mit dem Namen in Laa getroffen zu haben. Bis ich beide wiedersah, löste sich alles auf. Es stellte sich heraus, dass die beiden in Laa sogar in gegenüberliegenden Häusern gewohnt hatten. Doch hatte sich der damals 16-jährige Bursch wohl nicht für das auf Bäume kletternde 12-jährige Mädel interessiert, sowie dies auch umgekehrt der Fall gewesen sein muss. In den darauf folgenden Jahren wurden die beiden enge Freunde, die sich regelmäßig trafen. Wann immer Karola einen Rat brauchte, rief sie Ernst Neumann an, fast so, als wenn sie einen älteren Bruder wiedergefunden hätte. Ernst Neumann konnte aber gleichzeitig einen weiteren Gewinn verbuchen: Karola stellte den Kontakt zu seiner Jugendfreundin Hilda White (geborene Drill) her, die er viele Jahre vergeblich gesucht hatte. Hilda reise noch zwei Mal aus Australien an, um den Jugendfreund zu sehen.

Ich brachte damals ein Fotoalbum voll alter Aufnahmen nach Israel mit und hoffte, Karola könnte Bekanntes darauf sehen. Die Aufnahmen waren Abzüge von einem Sammleralbum eines Laaers, der ungenannt bleiben möchte. Es stellte sich heraus, dass die Aufnahmen größtenteils von der Zeit vor Karolas Geburt stammten, wir blätterten das Album dennoch durch. Ich höre ihre Stimme immer noch in meinem Kopf: „Blättere doch noch mal zurück.“ Und da war es, das keine Wunder. Karola erkannte auf einem Gruppenbild das Gesicht ihrer Mutter, aufgenommen, als sie noch nicht mal ihre Mutter war. Das einzige Foto von der Mutter, das es außerhalb ihres Gedächtnisses noch geben sollte. Ihre Eltern sind beide in Auschwitz gleich nach der Ankunft ermordet worden.

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Hermine Österreicher, geborene Blau

Eine letzte Erinnerung aus Israel, die auch symbolisch gesehen werden kann: Jeder kennt die Fabel vom Löwen, der dem für immer dankbar war, der ihm den Splitter aus dem Fuß zog. Meinen Splitter habe ich mit in der israelischen Wüste eingetreten und Karolas Mann zog ihn mir aus dem Fuß, als ich nach 2 Tagen schon nur mehr humpeln konnte. Die Freundschaft von Karola und ihrer Familie hat mich geprägt. Ich bin auch durch sie geworden, wer ich heute bin.

Was für ein Mensch war sie?

Jung war sie, auch wenn sie 50 Jahre älter war als ich, und immer voller Leben. Sie war an allem interessiert, was in der Welt vorging und was es Neues in Laa gab. Als sie zum letzten Mal hier war, gingen wir mit ihr zum Laaer Zwiebelfest - sie liebte es, wenn in ihrer Heimatstadt was los war. Sie nahm an den Interessen von uns Jungen regen Anteil, ging mit uns ins Kino, bastelte mit uns Serviettentechnik, als es gerade modern wurde.
Ihren großen Wunsch, immer weiter zu lernen, erfüllte sie sich als Pensionistin, als sie sich an der Bar Ilan Universität einschrieb und dort Vorlesungen besuchte. Sie war sehr ernährungsbewusst und schwamm mit größerer Ausdauer als meine Schwester und ich (die damals Teenager und in den frühen 20ern waren) durchs Becken des damals noch existierenden Laaer Hallenbads. Ihr großes Modebewusstsein lag wohl darin begründet, die sie in der Zeit, die sie mit ihren Eltern vor der Deportation in Schamorin (Solowakisch - Ungarisches Grenzgebiet) verbracht hatte. Dort hatte sie die Möglichkeit, eine Lehre in einem Modesalon zu beginnen und nähte auch in ihrer Freizeit begeistert Kleidung für ihre Familie. Jedes Jahr brachte sie meiner Schwester und mir einige Kleidungsstücke aus Israel mit. Die Farben und Schnitte, die wir in einem Sommer anfangs noch manchmal kritisch beäugten, stellten sich im darauf folgenden Jahr immer als besonders hip heraus - als die Modewelle dann auch Österreich erreicht hatte.


Prägender als das was Menschen sagen, ist das, was sie tun.

Als wir zum ersten Mal mit Karola am Mistelbacher jüdischen Friedhof waren, war das Grab ihrer Großeltern (Lina und Leopold Blau) völlig mit Gras überwachsen. Mit ihren Händen jätete sie den Wildwuchs. Dies führte zu unserem Engagement am Mistelbacher Friedhof, das der generellen Überwucherung ein Ende setzte. Entgegen der orthodoxen jüdischen Tradition brachte sie immer Blumen zum Grab. Doch auch vor 1938 müssen dort Blumen gepflanzt worden sein - jedes Frühjahr drängen sich dort weiße Blumen ans Tageslicht.
Wie viel ihr die Gräber ihre Vorfahren bedeuten, habe ich auch bei Besuchen der Gräber in Nikolsburg / Mikulov (Tschechische Republik) und der Slowakei erfahren, die sie als Kind mit ihrer Mutter und auch später mit uns immer wieder treu besucht hat.

Sehr viel hat ihr auch die Wiedererlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft bedeutet, die mehrere Jahre dauerte und nicht auf ihre Kinder und Enkel übertragbar ist. Es dauerte mehrere Jahre und kostete sie, die als ehemalige Krankenschwester nur eine kleine Pension bekam, 13.000 Schilling - ein kleines Vermögen. Ein hoher Beamter der Landes Niederösterreich konnte im Vorfeld nicht verstehen, wie es denn möglich sein könnte, dass sie keine Papiere aus ihrer Kindheit hatte. Als sie nach Auschwitz deportiert wurde, müsse sie doch Reisepapiere bei sich gehabt haben. Mein Kommentar ist ein Kreisky-Zitat: Bitte, lernen Sie Geschichte!

Doch nicht nur für den heiß ersehnten österreichischen Pass, sondern auch um die Heimat wiederzusehen, muss sich Karola ein Sparprogramm zurechtgelegt haben. In Israel lebte sie bescheiden in einer 2-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock ohne Lift. Im ersten Irakkrieg war die Straße bombardiert worden. Im zweiten Irakkrieg war ein weiterer Raketenangriff ihre größte Angst. Oft sprachen wir darüber am Telefon. In dieser Zeit dominierte auch schon die Krebsbehandlung ihr Leben, was diese Zeit sicher zu einer der schwersten in ihrem Leben in Israel machte.

Die Sicherheit und der Frieden des Landes Israel war ihr größter Wunsch. Sie unterstützte die Arbeiterpartei. Ihr Geschenk, ein Luftbild-Poster von der Demonstration, bei der Rabin erschossen wurde, hängt bis heute an unserer Wand. Nach eigenen Angaben sprach sie nicht wie eine Sabre (in Israel Geborene) Hebräisch, doch es war die Sprache, die sie mir ihren Kindern und Enkeln verband. Aus den Jahren der Flucht sprach sie noch fließend Ungarisch.

Freundschaften pflegte sie über die Kontinente hinweg - nicht nur zu mir. All die Jahrzehnte war sie in reger Brieffreundschaft zu Hilda White (Drill), die in Australien lebte und wie eine große Schwester für sie war. Wenn sie in Laa war, saßen wir jedes Mal mindestens einen Tag in meinem Zimmer und sie nahm sich nur Zeit für mich, um alles zu besprechen, alle Neuigkeiten anzuhören. Oft wurde dabei auch die Sehnsucht nach Menschen ihrer Vergangenheit deutlich, jenen, die nicht überlebten und jenen, die verschollen sind. So wusste sie zwar, dass der Schwarm ihrer Jugendtage, Heinz Maneles, sich nach England retten konnte, doch nicht, wo genau er lebte und welches Schicksal er gehabt hatte. Auch ihr jüngerer Cousin, Heini Blau, blieb für immer verschollen. Ein früherer Lehrer hatte ihr einmal geschrieben, dass er gehört habe, dass Heini als amerikanischer Soldat in einem Dorf bei Laa gesehen worden war. Ein amerikanischer Soldat tief in der russischen Besatzungszone? Eine Hoffnung oder doch Wirklichkeit? Eine Anzeige in der Amerikanischen, deutschsprachigen Zeitschrift „Aufbau“ (vom Freitag, dem 27. Oktober 1995) blieb leider erfolglos:
Suche-Heini-Blau

Als Karola schon so krank war, dass es sicher war, dass sie nicht mehr lange leben würde, unternahm ich noch einen letzten verzweifelten Versuch und rief alle Männer mit allen Variationen des Namens an, die sich bei einer Google-Suche in amerikanischen Telefonbüchern finden ließen. Leider erfolglos. Heini blieb bis jetzt verschollen.

Karola&Dusty-1997
Karola mit Dusty (1997) - unserem 2. Hund

Charakteristisch für sie war auch ihre Beziehung zu Tieren. Besonders mit unserer ersten Hündin, Susi, konnte sie an eine alte Liebe anknüpfen. Als Kind hatte sie einen Dackel namens Burli gehabt. Susi war ein Schäferhundmischling, Karola ging mir gerne ihr durch Laa spazieren. Obwohl im KZ abgerichtete Schäferhunde eine tödliche Gefahr waren, schienen die Schrecken dieser Hunderasse verschwunden. Vielleicht war es einfach ihre Art, weiterzuleben und zu überleben. Selbst denen, die in ihrem Verhalten ihr gegenüber Schuld auf sich geladen hatten, begegnete sie mit einer Großmütigkeit, die unbeschreiblich war und die diese Menschen nicht verdient hatten. Doch so war sie einfach und das machte wohl den besonderen Menschen aus ihr, den ich nie vergessen und immer vermissen werde.

Ruhe in Frieden, Karola!

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